Helmut Dohrmann - Eröffnungsrede für Erwin Rickert zur Ausstellung in der Universitätsbibliothek Siegen, 22. Mai 2006

Liebe Kunstfreunde,
falls Sie schon Gelegenheit hatten, einen Blick auf diese neue Ausstellung zu werfen, so fragen Sie sich möglicherweise:
Was mag einen umtreiben, der tote Vögel malt?
Wenn wir uns nun die Entstehungszeit der hierzu vorliegenden Aquarelle anschauen, so liegt der banale Verdacht nahe, es könne mit der Vogelgrippe zu tun haben, die in den schlimmsten Szenarien der Wissenschaftler ja wirklich bestandsgefährdend für viele Vogelarten werden könnte. Der betreffende Bilderzyklus ist zwischen März und Mai dieses Jahres entstanden. Dieser Verdacht ist deutlich zu kurz gegriffen.
Aus langer Bekanntschaft mit Erwin Rickert weiß ich, dass er sich schon lange mit diesem Thema der toten Vögel auseinandersetzt ? schon in den 60er Jahren gibt es Vorläufer hierzu. Kontinuierlich hat er über die Jahre hinweg Federn, Knochen und Vogelschädel gesammelt. Bei gelegentlichen Aufenthalten an der Nordseeküste hat er immer wieder gestrandete Vogelreste fotografiert.
Auch haben ihn die Funde des Archäopteryx, also die Versteinerungen von Flugsauriern in den Kalkschiefern von Solnhofen, immer schon fasziniert.
Aber vielleicht bedurfte es eines aktuellen Anstoßes wie etwa der Vogelgrippe und dem damit verbundenen medialen Begleitlärm als Katalysator, um den Künstler tief ins Herz zu treffen und ihm auf diese Weise den Impetus zu diesem Bilderzyklus zu verschaffen.

Versuchen wir aber, noch tiefer zu schauen: Was ist es, das den Künstler mit dem Vogel verbindet? (Wir wollen dabei einmal davon absehen, dass der Künstler in der Bevölkerung gemeinhin als ?seltsamer Vogel? gilt.)
Faszination geht meistens von dem Fremden aus. Denn wie viel näher als der Vogel ist uns der treue Vierbeiner, Hund oder Katze etwa, die oft und gerne sogar als Karikaturen bestimmter Vertreter unserer eigenen Art herhalten müssen. Wie viel ?menschlicher? sind sie als die Vögel. Und um wie vieles ferner sind uns der Vogel oder der Fisch. Den Fisch beneidet man in der Regel nicht um sein Dasein, hier besteht ein eher unterkühltes Verhältnis, immerhin aber möchte man ihm manchmal seine ?tiefen Gründe? neiden? Um wie vieles mehr beflügelt uns jedoch der Vogel. Befreit von der Schwerkraft ? so leicht ? überwindet er scheinbar mühelos große Entfernungen. Mit enormem überblick ausgestattet, erscheint er uns wie die Verkörperung unserer kühnsten Gedankenflüge und Visionen. Sehnsüchtig blicken wir zu ihm empor.
Er ist den Poeten Mittler zwischen Himmel und Erde ? ein Himmelsbote.

Er scheint unsere Sehnsüchte und Träume zu stimulieren, er regt unseren Geist und unsere Seele an. Der Geist und die Seele ? sie sind dem Fliegen am nächsten.

Versuchen wir eine weitere Annäherung zwischen Vogel und Künstler: Es ist das Sehen, der Gesichtssinn. Bezeichnen wir den Künstler als Augenmenschen, so ist der Vogel mit Fug und Recht das Augentier, während die Vierbeiner viel stärker von Geruch und Geschmack umgetrieben werden.
Also findet der Künstler auch hier wieder im Vogel seinen adäquaten Verwandten, dem er die Schärfe und das Umfassende seiner Visionen neidet?
Warum aber muss der Vogel ?down to earth?, um gemalt zu werden? Ein mörderischer Gedanke! Das Wesen des Luftreichs ? am Ende gefallen, versteinert, Petrefakt geworden ? ein Paradoxon, der denkbar größte Gegensatz! Ikarus muss hier nicht einmal bemüht werden. Die Sache liegt NAHE im wahrsten Sinne des Wortes. Nahe liegt auch, dass das Auge und gar die Hand des Künstlers dem lebenden und fliegenden Geschöpf nicht wirklich zeichnenderweise zu folgen vermögen. Der Film wäre das geeignetere Medium, die ?Nomaden der Lüfte? in ihrem eigentlichen Element zu zeigen. Der Zeichner, der Maler ? wenn er weise genug ist ? lässt die Finger davon und wartet lieber, bis der Vogel runterfällt?
Er weiß ? oder fühlt ? die Problematik, den bewegten Gegenstand zeichnenderweise ?anzuhalten?, festzuschreiben, einzufrieren und damit zu töten. Ein Blick in die Niederungen der Kunst, z. B. in das Genre der so genannten ?Jagdmalerei? zeigt, was damit gemeint sein könnte. In öl: Der röhrende Hirsch etwa oder der Blick des jagenden Fuchses, der sein Opfer lauernd fixiert, können den wahren Kunstfreund ? zumal den ohne Jagdschein ? schwerlich erwärmen.
Nun ist es paradox, wie in Erwin Rickerts Bildern eine exakte Umkehrung des eben Gesagten geschieht: Hier wird nicht das Lebende durch ?Einfrieren? der Bewegung getötet, sondern dem Toten wird durch die Art des künstlerischen Arrangements und mit der Frische des malerischen Zugriffs zur Auferstehung verholfen. Im Takt der tanzenden Pinselschläge und virtuosen Flecksetzungen mit der Wasserfarbe gewinnen die ?Gefallenen? ein neues Leben.

Hier sind wir dem Geheimnis der Kunst auf der Spur:
KUNST VERWANDELT. Die Welt der Dinge, die durch das Medium der Malerei oder der Zeichnung quasi gespiegelt wird, gewinnt eine neue Dimension, eine andere Qualität. Was geschieht hier?
Bemühen wir einen Klassiker. Schiller beschreibt es in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen folgendermaßen:
Der Mensch bewegt sich im Wesentlichen zwischen zwei Polen bzw. grundlegenden Antrieben. Zum Einen ist er von außen determiniert über die Flut der Sinneseindrücke, die über die Pforten seiner Wahrnehmung unentwegt auf ihn einstürzen. Hätte er nur dieses, so wäre er der niedrigste der Sklaven, bald würde er im Chaos dieser Reizflut, im Chaos der dadurch verursachten Begierden und Leidenschaften ertrinken, würde ihn die Materie, das Stoffliche erdrücken. Schiller nennt dies den STOFFTRIEB.
Doch vom anderen Ende seines bipolaren Wesens kommt ihm ein strenger Zuchtmeister entgegen, der ordnende Verstand, die Vernunft ? trocken und nur dem Gesetz der Logik gehorchend. Wir können beobachten, wie ein Kind dies im Verlauf seiner Entwicklung hin zum Erwachsenen langsam lernt: sich auch einmal etwas versagen müssen, sich zurücknehmen, weil ja auch noch andere da sind usw. Du darfst nicht, du solltest, du musst. Diese Vernünftelei gipfelt im kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: Moral, Ordnung und Gesetz. Auch dies allein macht den Menschen nicht frei, auch dies macht ihn zum Sklaven. Folgte der Mensch nur diesem Antrieb, er würde innerlich verdorren. FORMTRIEB wird es von Schiller genannt.

Der Mensch lebt also nach Schiller hin und her gerissen zwischen Stofftrieb und Formtrieb. Gegenüber beiden, die ihn nur versklaven können, sucht die Freiheit eine Zuflucht ? und findet sie in der Kunst und damit im SPIELTRIEB. Jetzt ist der Schillersche Dreisatz perfekt.

Erwin Rickert, der Künstler, überwindet den Zwang der Naturnotwendigkeiten, den Stofftrieb also, spielend und spielerisch. Auf seinem Zeichentisch werden heterogenste Dinge zusammengeführt, geraten in ein Mahlwerk, werden ihrer Nützlichkeiten entkleidet und entgleiten ihrer naturnotwendigen Zuordnung:
Endlich begegnet die Wellhornschnecke auch einmal einem Wachtelei, Pfirsich trifft auf Venusmuschel, Frauenschuh und Bockschädel, das Brötchen gerät in die Wespennester, die Kakifrucht begegnet dem Kürbis, Jutta dem Fuchs und die keimende Kartoffel dem Büttenpapier.
Ist etwas passiert?
War das notwendig? Es war!
Zwingend. Denn hier waltet die Freiheit, der Spieltrieb.
Der Künstler hat Dinge zusammengeführt, die naturnotwendig nicht zusammengehören. Da haben wir den Salat. Ist er vielleicht ein bisschen? durcheinander?
Nein. Er überwindet den Zwang der Naturnotwendigkeiten. Aus Trotz? Nein, er findet auf diese Weise einen geheimen Draht zwischen den Dingen.
Da er nicht dem Stofftrieb anheim gefallen ist, sieht sein Geist in den Dingen nur Relikte, tote Körper, denen jedoch höchst lebendige und von Ewigkeit zu Ewigkeit wirkende Formgesetze ihr Signum aufgeprägt haben.
Diesen ?Abfällen? der Naturgesetze prägt der Spielende durch sein Arrangement eine neue Wirklichkeit auf ? seine subjektive Sicht der Dinge. So werden die Objekte subjektiv. Die Subjektivität wiederum wird im Kunstwerk objektiv, es wird ihr eine sinnliche Ge-stalt gegeben ? das Kunstwerk ist ein neuer Gegenstand in der Welt.
Wie schon gesagt: KUNST VERWANDELT.
Das Natürliche wird im Kunstwerk ein Geistiges, das Subjektive ? der Geist ? wiederum wird ein Natürliches, Objektives.
Die Natur, der Stoff, wird geadelt; der Geist wiederum wird aus der kühlen Ferne seiner unanschaulichen Abstraktionen ins Sichtbare gelockt. Die Kunst ist eine Harmonie PARALLEL zur Natur, hat ? glaube ich ? Paul Klee gesagt. Heißt: Die Künstler müssen nach anderen Gesetzen bauen als die Natur. Als Maler haben sie (in der Regel) nur das Reich der Fläche zwischen vier Ecken zum Spielfeld und Bauplatz.

Im Gegensatz zur Natur, die sich Verschwendung in allem erlauben kann und der dazu ein unermesslicher RAUM zur Verfügung steht, muss der Künstler manchmal bis ins Letzte sparsam sein; sich bescheiden und konzentrieren.
Also lügt der Künstler der Fläche einen Raum vor.
?Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lässt?, soll Picasso einmal gesagt haben. Vielleicht meint er das damit.

Was aber meint Erwin Rickert?
Vielleicht, dass wir nicht warten können, nicht warten sollen, bis dass die toten Vögel am Nordseestrand einst von unseren fernen Nachfahren in Gestalt von Sandstein-Petrefakten geborgen werden?
Dass also die Versteinerung ein permanenter Prozess ist und somit die Meditation von Werden und Vergehen das EINZIGE Thema von Belang?
Denn was wäre Kunst ohne die Melancholie?
Was zeichnet ? nach allen weltanschaulichen Ab- und Ausschweifungen ? den Künstler Erwin Rickert im Besonderen aus?
Mit Sicherheit seine Sammelleidenschaft. Mit einer im hohen Sinne naiven Freude, mit dem großen Staunen der Kinder tritt er immer wieder aufs Neue vor die Natur, trägt permanent einen großen Schatz dinglicher Formen zusammen, die allein schon und für sich genommen ? bei geschickter Präsentation ? einen musealen Reiz hätten. Also noch ohne das Zutun der Kunst.
Die geballte Wucht dieses Sammelsuriums im Hause Nr. 17 in der Weberstraße in Betzdorf kreiert unweigerlich zauberhafte Begegnungen der dritten Art, solche also, die den Künstler in seiner Rolle als Geburtshelfer dringend zur Tat rufen. Formverwandtschaften, Strukturverwandtschaften, Farbverwandtschaften. Oder die Gegensätze derselben, die immer wieder zu so von der Natur nicht geplanten Hochzeiten führen. Hierarchien der Bedeutung oder solche des Nützlichkeitsdenkens existieren in diesem Reich nicht mehr. Kein Ding ist zu gering, alles wird gleich geachtet und geadelt, nicht nur das: ES WIRD GELIEBT.
Die Liebe aber hebelt alle Gegensätze dieser Welt aus, überwindet alles Trennende.

Der berühmte Zoologe Buffon schrieb: Allen Lebensformen die gleiche religiöse Würde zusprechen ? dies sei Grundvoraussetzung für die Erhaltung des Lebens auf der Erde. Und hierdurch erst, um es mit einem modern gewordenen Ausdruck zu benennen, würde ökologie NACHHALTIG.
Du schützt die Natur nicht, weil es dir die ökologen sagen oder weil du Angst vor der Rache der Natur hättest oder weil du an deine Nachkommen denkst; weil es also der kategorische Imperativ fordert ? sondern schlicht: weil du sie liebst.
So sollte es ein ? und so wird es durch dieses Werk von Erwin Rickert vorgelebt.

zurück